10-Punkte-Plan: Lösungsansätze für eine sichere Geburtshilfe

Was kann die Politik konkret für eine Verbesserung der Geburtshilfe tun? (c) Mother hood e. V.

Den vollständigen 10-Punkte-Plan mit Erklärungen gibt es hier zum Download.

Die Förderung der Kindergesundheit beginnt mit Schwangerschaft und Geburt. In die Geburtshilfe zu investieren heißt also, in eine gesunde Gesellschaft zu investieren!

Die geburtshilfliche Versorgung steht vor komplexen Problemen, deren Ursachen strukturell bedingt sind. Ein Handeln der Politik ist daher dringend nötig. Mother Hood schlägt folgenden 10-Punkte-Plan zur Verbesserung der Situation vor. Diese Lösungsansätze haben wir im Juli 2018 auch dem Parlamentarischen Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit, Dr. Thomas Gebhart, übergeben:

1. Bedarfsorientierte Vergütung der Geburtshilfe

2. Bessere Personalschlüssel in den Kreißsälen

3. Wohnortnahe Versorgung gewährleisten

4. Erfassung von Geburtsschäden

5. Absicherung von Geburtsschäden

6. Sektorenübergreifende Versorgung verbessern

7. Eltern beteiligen

8. Investition in Forschung für eine evidenzbasierte Geburtshilfe

9. Kinder- und Frauenrechte stärken

10. Prävention und Gesundheitskompetenz

1. Lösungsansatz: bedarfsorientierte Vergütung der Geburtshilfe

Analog zur Pflege muss auch die Geburtshilfe als Akut- und Notfallversorgung inklusive der hohen Vorhaltekosten unabhängig von Fallpauschalen vergütet werden. In der Folge kann genügend Personal vorgehalten werden, um bei Bedarf alle Gebärenden und ihre Kinder gut betreuen zu können.

2. Lösungsansatz: bessere Personalschlüssel in den Kreißsälen

Generell ist ein Betreuungsschlüssel von 1:1 unter der Geburt (eine Hebamme auf eine Gebärende und zwar nicht nur in der Austreibungsphase) anzustreben mit maximalen Abweichungen bis zu 1:2 (eine Hebamme für max. zwei Gebärende). Dieser Betreuungsschlüssel setzt eine aufwandsgerechte finanzielle Kostendeckung (inkl. Vorhaltekosten) und Vergütung voraus.

Die aktuellen Personalschlüssel, die für Hebammen in Deutschland vorgesehen sind, müssen neu berechnet werden.

3. Lösungsansatz: wohnortnahe Versorgung gewährleisten

Die geburtshilflichen Angebote müssen den örtlichen Bedarfen entsprechen, um deren Zugänglichkeit für die Mütter gewährleisten zu können. Schließungen sollten demnach nur nach Überprüfung der geburtshilflichen Kapazitäten vor Ort und mit einem ausreichenden Übergangszeitraum möglich sein.

Geburtshilfliche Angebote (klinisch und außerklinisch) brauchen finanzielle Mittel und Fördermöglichkeiten. Eine niederschwellige Wehen-Betreuung (in der sog. Latenzphase) muss wohnortnah gewährleistet werden.

4. Lösungsansatz: Erfassung von Geburtsschäden

Da derzeit über 95 Prozent der Geburten in Kliniken stattfinden, ist eine zeitnahe Evaluation von Geburtsschäden im klinischen Setting notwendig. Eine Erhebung und systematische Aufarbeitung im Rahmen von Einzelfallanalysen ist Voraussetzung für eine strukturelle und individuelle Ursachenanalyse von möglicherweise vermeidbaren Schadensfällen und für die Steigerung der Qualität in der Geburtshilfe.

Eine anonymisierte Statistik für Schadensfälle in der klinischen und außerklinischen Geburtshilfe mit strukturierter Einzelfallanalyse ist geeignet, um grundlegende Informationen für die Gestaltung der Geburtshilfe zu erhalten.

5. Lösungsansatz: Absicherung von Geburtsschäden

Notwendig ist auf Grundlage der erfassten Geburtsschäden eine Prüfung, wie diese gesamtgesellschaftlich und marktunabhängig abgesichert werden können.

6. Lösunsgansatz: sektorenübergreifende Versorgung verbessern

Zur Versorgung während Schwangerschaft, Geburt und der Zeit danach braucht es dem Bedarf entsprechende Versorgungsangebote und eine gute Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen (Hebammen, Gynäkolog*innen und Anästhesist*innen, Kinder- und Jugendmediziner*innen, Stillberaterinnen, uvm.).

Alle beteiligten Berufsgruppen müssen in der Schwangerenversorgung, Geburtshilfe und Kindermedizin Hand-in-Hand zusammenarbeiten, wie es auch im “Nationalen Gesundheitsziel - Gesundheit rund um die Geburt” definiert ist.

7. Lösungsansatz: Eltern beteiligen

Elternbeteiligung sollte auf Bundesebene im Bereich Bedarfsplanung, Methodenbewertung, Qualitätssicherung und Leitlinienentwicklung möglich sein sowie auf Länderebene an Runden Tischen und Versorgungsanalysen etc.

8. Lösungsansatz: Investiton in Forschung für eine evidenzbasierte Geburtshilfe

Gängige Routineinterventionen und -abläufe müssen überprüft und hinterfragt werden. Eine evidenzbasierte Geburtshilfe ist anzustreben im Sinne der Sicherheit für Mutter und Kind. Hier braucht es eine gute Förderung, Finanzierung und der Umsetzung in der Praxis.

9. Lösungsansatz: Kinder- und Frauenrechte stärken

Die Umsetzung der unter Punkt eins bis acht beschriebenen Maßnahmen werden zu einem besseren Schutz der Rechte von Mutter und Kind in der Geburtshilfe führen.

Zur Vermeidung von Geringschätzung und Misshandlung in der Geburtshilfe  müssen traumasensibles Arbeiten, Supervision und Selbsterfahrung in die Ausbildung der Hebammen sowie der gynäkologischen Fachärzt*innen integriert werden.

10. Lösungsansatz: Prävention und Gesundheitskompetenz fördern

Eine Verbesserung der Gesundheitskompetenz auch zum Thema Geburt muss zentrales Anliegen der Gesundheitspolitik sein.

Eine umfassende, neutrale und an Evidenzen orientierte angstfreie Aufklärung über Schwangerschaft, Geburt, Stillen und frühe Elternzeit kann nur im Rahmen einer Aufklärungskampagne erzielt werden.

Die Aufklärung muss zudem ergänzt werden durch eine frühzeitige positive Aufklärung von Kindern und Jugendlichen in Kindergärten und an Schulen, bei der altersgerecht ein positives Grundwissen vermittelt wird. Zur Erreichung der Ziele ist eine interministerielle Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), dem 13 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) und dem Bundesministerium für Gesundheit (BMG) nötig.