Leserbrief/ Gegenrede zum Artikel „Die Sectiorate zu senken ist schwierig"

Dr. med Wolf Lütje stellt 8 Ansätze vor, wie die Kaiserschnittrate gesenkt werden kann. © dgpfg

Vorbemerkung: In der Ausgabe Deutsche Ärzteblatt, Jg. 116, Heft 21, 24. Mail 2019, S. 877, 878, erschien der Artikel „Die Sectiorate zu senken ist schwierig“ der Medizinjournalistin Martina Lenzen-Schulte. Zu diesem Artikel nimmt Dr. med. W. Lütje, Chefarzt Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe, Ev. Amalie Sieveking Krankenhaus, Hamburg, Stellung.

Ich frage mich, wie lange ein Fachfremder im größten Deutschen „Ärzteblatt“ noch die Deutungshoheit zur Geburtshilfe in Deutschland für sich beanspruchen darf. Im Artikel werden zwar die Hauptgründe für die hohe Sectiorate teilweise benannt, ansonsten aber eher marginale Ursachen fokussiert, so als ob die ältere künstlich befruchtete Mutter mit hohem BMI und makrosomen Kind einen wesentlichen Beitrag zur Sectiorate leistet. Nebenbei ist es eine frauenfeindliche Unterstellung, dass Schwangere im 21. Jahrhundert als „weit vulnerabler“ bezeichnet werden. Wenn wir uns hingegen auf die wahren Gründe konzentrieren, steht außer Frage, dass die Kaiserschnittrate gesenkt werden kann. Denn die umfassende Analyse des Problems würde Folgendes ins Zentrum rücken:

1. Hauptgrund für den Kaiserschnitt ist aus meiner Sicht, dass sowohl bei Geburtshelfern als auch Schwangeren die Angst nicht mehr ein Berater, sondern ein Bestimmer geworden ist. Wer stets in Risiken denkt, schafft solche; der Kaiserschnitt erscheint als Ausweg, bzw. ist logische Folge.

2. Fehlende Geduld: Geburt kennt keine Zeit. Das betrifft sowohl die Schwangerschaftsdauer als auch den Geburtsverlauf. Diese Regel wird viel zu oft und unbegründet verletzt.

3. Geburtshilfliche Kunst: Diese droht auf der Basis von Angst, Katastrophisierungsneigung und der Vermeidung jedweden Risikos durch Kaiserschnitt völlig verloren zu gehen und ist naturgemäß ein mittel- und langfristiger Grund dafür, dass die Kaiserschnittrate ansteigt.

4. Ökonomie und Organisation: Die Betreuungsschlüssel, insbes. in Bezug auf Hebammen, sind unzureichend. Gute Betreuung senkt Interventionsraten. Verantwortliche Ärzte in z. T. schlecht besetzten Abteilungen greifen oft entnervt und müde zum Skalpell. Zudem setzen Geschäftsführungen Chefärzte in Bezug auf Sectioraten und Haftpflichtthemen unter Druck. Dies begünstigt die Interventionsneigung z. T. massiv.

5. Geburtsüberwachung: In jedem 4. Fall sind schlechte Herztöne der Grund für einen Kaiserschnitt, so als ob Mutter Natur riskieren würde, dass 25 % der Kinder durch die Geburt behindert werden oder gar sterben. Die moderne, tückische CTG-Technologie (wahrscheinlich 30 % Falschaufzeichnungen) sowie fehlende profunde CTG- Interpretationskenntnisse sorgen für unnötige Kaiserschnitte.

6. Einstellungsanomalien: Neben dem Geburtsstillstand ist die Einstellungsanomalie eine der häufigsten Indikationen für den Kaiserschnitt. Solche Anomalien lassen sich oft gut behandeln und führen mit Geduld zur vaginalen Geburt. Selbst der so genannte hohe Gradstand ist bei Frauen mit entsprechend geformtem Becken kein Grund zur Sektio.

7. Makrosomie: Eine Makrosomie bei physiologisch begleiteter Geburt ohne Intervention führt extrem selten zu den gefürchteten Schwierigkeiten und kann daher bei entsprechender Kenntnis auch weiter gut vaginal entbunden werden.

8. Ältere Erstgebärende und künstliche Befruchtung: Künstliche Befruchtung qua se ist allenfalls psychologisch ein Risikofaktor für eine Geburt. Und die ältere Erstgebärende hat allein altersbedingt keine erhöhten Risiken – es treten allerdings bestimmte Risiken häufiger auf. Nur diese gilt es zu beachten!

So an all diesen Themen konsequent gearbeitet wird, und dafür gibt es in Deutschland zahlreiche Beispiele, könnte die Kaiserschnittrate deutlich gesenkt werden; mit sicher auch z. T. besseren Ergebnissen und auch Erlebnissen rund um die Geburt. Ziel kann es dabei nicht sein „Bad Practice“ (wie das in dem Artikel beschriebenen englischen Beispiel) zu unterstützen, sondern dem Kaiserschnitt den Stellenwert zu geben, den er verdient: Eine wundervolle Notmaßnahme, für die es eine biopsychosoziale Indikation braucht. Wenn hierfür überall der Rahmen gesteckt wird, spielt in der Tat am Ende die Anzahl der Kaiserschnitte keine Rolle mehr. Bis hierhin ist es aber noch ein weiter Weg. Im Übrigen sei nicht unerwähnt, dass der Kaiserschnitt ja erstmalig zur Frage nach dem Sinn der Geburt auffordert; den kennt nach wie vor kein Mensch. Die Vor- und Nachteile des Geburtsmodus könnten langfristig z. B. in China untersucht werden, wo die Kaiserschnittrate zwischen 2% und 90 % liegt.

So wie das Stillen als überlebenswichtig wiederentdeckt wurde, gilt es den Blick auf die Bedeutung des Gebärens zu richten. Die ungeprüfte und vorschnelle Abschaffung derselben ist wahrscheinlich eine epigenetische, ökologische und menschliche Katastrophe. Um diese abzuwenden bedarf es aber einer anderen Haltung und Ausrichtung.

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Dr. med. W. Lütje.