Missachtung und Gewalt in der Geburtshilfe

In den vergangenen Jahren und insbesondere durch die Aktion "Roses Revolution" ist das Thema Missachtung und Gewalt in der Geburtshilfe immer mehr in die Öffentlichkeit geraten.

Mütter, aber auch Väter und Hebammen, berichten, was sie erlebt haben. Schätzungen gehen davon aus, dass rund 30 Prozent der Gebärenden betroffen sind.

Verschiedene Formen der Gewalt

Was bedeutet "Gewalt in der Geburtshilfe"? Die Initiative "Gerechte Geburt", in den Jahren 2013 bis 2018 Initiatorin der Roses Revolution in Deutschland, fasst es auf ihrer Website sehr gut zusammen. Wir beschränken uns daher auf einige wenige Beispiele:

Physische Gewalt

  • Festhalten, Festschnallen der Beine, keine freie Wahl der Geburtsposition (z. B. in Rückenlage auf dem Gebärbett)
  • grobe Behandlung (z. B. Katheter unnötig schmerzhaft legen), medizinisch nicht notwendige Untersuchungen (z. B. wiederholt nach dem Muttermund zu tasten)
  • ohne Einverständnis und ohne medizinische Notwendigkeit einen Dammschnitt, einen Kaiserschnitt oder sonstige medizinischen Eingriffe durchführen (Medikamentengabe, Kristellern)


Psychische Gewalt

  • Anschreien, Druck ausüben, z. B.: „Wenn sie jetzt nicht mitarbeiten, dann stirbt Ihr Baby!“ oder „Seien sie gefälligst still!“ oder "Guck dich mal an Mädchen, du bist fertig - du musst eine PDA nehmen."
  • Beschimpfen, Diskriminieren (Alter/ Gewicht/ Herkunft/ u. a.)
  • Sexualisierte Gewalt in Form von Sprache, Witzen
  • Gebärende während der Geburt allein lassen (außer, wenn sie dies ausdrücklich will)


Strukturelle Gewalt

  • fehlende Raumkapazitäten oder Personalmangel: geburtshilfliche Kliniken weisen Frauen selbst unter Wehen und mit Voranmeldung ab
  • Qualität der Geburtshilfe sinkt: Gebärenden werden im Kreißsaal allein gelassen, da die Hebamme sich um bis zu fünf andere Schwangere kümmern muss, die Geburt wird dahingehenden ‚programmiert‘ (vgl. physische Gewalt) – z.B. schmerzstillende PDA gelegt, damit die Frau ‚ruhig‘ ist
  • Kreißsaalschließungen, fehlende wohnortnahe geburtshilfliche Versorgung

Unterstützung

Vielen Müttern hilft nach einer gewaltvollen Geburt der Austausch – mit Gleichgesinnten, der Familie oder Fachpersonen.

Die unterstützenden Angebote sind zahlreich und vielfältig. Sie reichen von Selbsthilfegruppen bzw. Gesprächskreisen über psychosoziale Beratung bis hin zu therapeutischer, psychotherapeutischer und psychiatrischer Hilfe.

Einen sehr guten Überblick gibt auch hier die Website der Initiative "Gerechte Geburt", auf deren Linksammlung wir dankenswerterweise verweisen dürfen.

Roses Revolution

Bei der Aufarbeitung des Erlebten spielt für Betroffene von Gewalt in der Geburtshilfe die Roses Revolution eine wichtige Rolle. Eine Rose vor dem Kreißsaal ablegen zu können, in denen ihnen Gewalt angetan wurde, ist für viele Mütter, aber auch Väter, ein erster Schritt, die häufig herrschende Sprachlosigkeit zu durchbrechen. Die Roses Revolution gibt - für viele zum ersten Mal - die Möglichkeit, ein Zeichen zu setzen und das Bewusstsein zu erlangen, nicht allein mit den Erlebnissen rund um die Geburt eines Kindes zu sein. 

Die Roses Revolution findet auch im Jahr 2019 statt. Aktive von Mother Hood e. V. begleiten auf Wunsch Frauen dabei, ihre Rose abzulegen. Welche Standorte in Deutschland bedient werden können, haben wir in einer Liste zusammengefasst.

Auch der neu gegründete Verein Traumageburt e. V., der in diesem Jahr die Patenschaft der Roses Revolution übernommen hat, listet Möglichkeiten der Begleitung auf.