Versorgungsengpässe bei Schwangerschaftsvorsorge und Wochenbettbetreuung liegen nicht an schlechter Auffindbarkeit der Hebammen

Die sog. Storchenwaage, ein wichtiges Utensil in der Wochenbettbetreuung.
© Kerstin Pukall, www.pukall.de

Bonn, 06. Juli 2017. Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV-SV) überrascht mit einer Pressemitteilung vom 29. Juni, in der es um die oft erfolglose Suche schwangerer Frauen nach einer Hebamme geht. Sinngemäß heißt es, es gäbe nicht etwa zu wenig Hebammen für die Schwangerschaftsvorsorge und Wochenbettbetreuung, sondern sie ließen sich lediglich nicht finden.

Der GKV-SV bemängelt, dass viele Hebammen, die sich in die Vertragspartnerliste des Spitzenverbandes eintragen ließen, einer Weitergabe ihrer Daten nicht zustimmen würden. Zudem seien deutlich weniger Hebammen in lokalen Hebammennetzwerken gelistet, als auf der Vertragspartnerliste. Ein großer Teil der Hebammen sei, so schlussfolgert der GKV-SV, für Frauen also gar nicht auffindbar.

Zu wenig Hebammenangebote

Ist es tatsächlich so, dass die Versorgungslücke dadurch entsteht, weil Hebammen und Frauen nicht zusammenfinden?

Freiberuflichen Hebammen steht es prinzipiell offen, wie sie ihre Klientinnen finden oder von ihnen gefunden werden möchten. Viele verlassen sich auf Mund-zu-Mund Propaganda, tragen sich in Online-Verzeichnisse ein oder erhalten Anfragen durch ein Hebammennetzwerk. Alle diese Hebammen haben eins gemeinsam: Es mangelt ihnen nicht an Arbeit.

„Immer wieder berichten uns verzweifelte Frauen, 40 und mehr Hebammen erfolglos kontaktiert zu haben“, sagt Katharina Desery von der Bundeselterninitiative Mother Hood e. V..

Die Berliner Hebamme Anja Constance Gaca berichtet in ihrem Blog "Von guten Eltern" davon, monatlich bis zu 100 Frauen ablehnen zu müssen. Das Hebammennetzwerk Köln gibt an, in 40 Prozent der akuten Wochenbettanfragen keine Hebamme vermitteln zu können. Die meisten Absagen betreffen dabei die Suche nach einer Wochenbettbetreuung für die Sommermonate, die bereits ab Februar ausgebucht sind, sowie den Zeitraum um Weihnachten und Neujahr.

Die Unterversorgung entsteht, weil immer weniger Hebammen immer weniger Leistungen anbieten. Einige steigen zum Beispiel aus der Wochenbettbetreuung aus, andere arbeiten lediglich in Teilzeit, viele geben komplett ihren Beruf auf. „Angesichts des deutlichen Geburtenanstiegs eine fatale Entwicklung“, so Katharina Desery.

Kontaktdaten in der Vertragspartnerliste lösen das Problem nicht

Die Weitergabe der Kontaktdaten aus der Vertragspartnerliste seitens des GKV-SV würde werdenden Müttern nicht ausreichend weiterhelfen. Hebammen sind zwar verpflichtet, sich in die Vertragspartnerliste einzutragen, um freiberufliche Leistungen anbieten zu können. Sie sind jedoch nicht gezwungen, sich wieder auszutragen, wenn sie einige oder alle Leistungen nicht mehr anbieten. Es ist daher nicht möglich, aus der Anzahl der Hebammen auf der Vertragspartnerliste auf die tatsächliche Anzahl freiberuflich tätiger Hebammen oder gar den Umfang der angebotenen Leistungen zu schließen. Dies bestätigte auch der GKV-SV auf Nachfrage. Eine Datenbank zum tatsächlichen Umfang der angebotenen Hebammenleistungen gibt es in Deutschland derzeit nicht.

„Mit den Daten aus der Vertragspartnerliste würden die Frauen vermutlich nur zusätzlich Hebammen kontaktieren, die die gewünschte Leistung gar nicht mehr anbieten“, so Katharina Desery.

Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass viele Hebammen ihre Kontaktdaten in Listen wie der Vertragspartnerliste des GKV-SV nicht angeben, weil sie ohnehin bereits ausgelastet sind. Dies gilt auch für die Datenbanken von Hebammennetzwerken, wie es sie beispielsweise in Berlin oder Köln gibt.

"Aus Elternsicht wünschen wir uns, dass der GKV-SV sich mit dem wahren Problem beschäftigt, anstatt pro-forma Ausreden zu finden", sagt Katharina Desery, "Grund für die schlechte Versorgung ist der Hebammenmangel – und nicht das angeblich schlechte Zusammenfinden von Hebammen und Frauen." Mother Hood hält eine Verbesserung der Arbeits- und Vergütungsbedingungen von Hebammen für unabdingbar, um die Versorgung junger Familien zu verbessern.