Positionspapier: sechs Forderungen für eine bessere Versorgung während Schwangerschaft, Geburt und früher Kindheit

Vertreter*innen der Eltern und Berufsgruppen: Dr. Georg Soldner, Kinderarzt (li, Moderator), Lydia Abdallah von Mother Hood (2. von li), Jutta Eichenauer, Hebamme (Mitte), Dr. Gabriela Stammer, Frauenärztin (2. von re), Dr. Roland Fressle, Kinder- und Jugendarzt, Neonatologe (re)

Mother Hood e. V. gehört als Elternvertretung zur Initiativgruppe, die den Kongress "WIR von Anfang an - Schwangerschaft und Geburt als Grundlage der Gesundheit" im Oktober 2019 durchgeführt hat.*

Nach dem Kongress haben alle beteiligten Vertreter*innen der Berufsgruppen und wir als Eltern ein gemeinsames Positionspapier erarbeitet, welches auf den sehr lebhaften und zukunftsweisenden Diskussionen des Kongresses fußt.

Das PDF mit den Forderungen und ausführlichen Begründungen gibt es hier.

1. Salutogenese als Grundhaltung

WIR fordern: Die Versorgung während Schwangerschaft, Geburt und früher Elternschaft muss sich an salutogenetischen Prinzipien orientieren. Die Salutogenese richtet den Blick darauf, wie Gesundheit entsteht und erhalten werden kann. Für die Begleitung von (werdenden) Familien bedeutet das, die individuellen Ressourcen von Mutter, Kind und Familie zu erkennen und zu stärken.

2. Perspektivwechsel: Eltern im Mittelpunkt aller Handlungen

WIR fordern: Eltern und Kinder stehen als rechtlicher Souverän im Mittelpunkt jeden Handelns.  Das geburtshilfliche und pädiatrische Fachpersonal muss die Elternrechte sowie die individuellen Ressourcen und Bedürfnisse der Familien anerkennen und das eigene Handeln danach ausrichten.

Medizinisch notwendige Untersuchungen und Eingriffe gilt es angemessen zu erläutern und Alternativen zu erklären, um Eltern eigene Entscheidungen zu ermöglichen. Austausch auf menschlicher Augenhöhe, bedarfsorientierte Begleitung und Beratung und das dadurch geschaffene Vertrauen stärken die Gesundheitskompetenz der Eltern.

3. Geburtshilfe muss bedarfsgerecht finanziert werden

WIR fordern: Die Geburtshilfe muss bedarfsgerecht und unabhängig von den Fallpauschalen des DRG-Systems (Diagnosis Related Groups) vergütet werden. Die aufwändige professionelle Begleitung einer physiologischen Geburt in Eins-zu-Eins- Betreuung (d.h. eine Frau pro Hebamme) sowie die Vorhaltekosten müssen durch die Finanzierung abgedeckt werden. Beratungsleistungen müssen besser vergütet, die aktive Kooperation aller Beteiligten mit finanziellen Anreizen gefördert werden.

4. Interdisziplinäre Aus- und Weiterbildung und interdisziplinäres Arbeiten in Schwangerschaftsvorsorge und Geburtshilfe

WIR fordern: Eine in weiten Teilen gemeinsame Aus- und Weiterbildung aller an der Versorgung während Schwangerschaft, Geburt und früher Lebensphase des Kindes beteiligter Berufsgruppen fördert das interdisziplinäre Arbeiten und die Kommunikation miteinander. Dazu zählen beispielsweise Angebote in Aus- und Weiterbildung sowie Hospitationen. Dieser fach- und sektorübergreifende Austausch soll auch in der Berufspraxis fortgeführt werden.

5. Maßnahmen gegen demotivierende Berufsbedingungen

WIR fordern: Gut ausgebildete Fachkräfte benötigen Anreize, damit sie in das Versorgungssystem zurückkehren und gut zusammenarbeiten können. Dazu gehören veränderte Arbeitsbedingungen, wie eine 1:1 Betreuung während der Geburt, ein Abbau von Hierarchien und ausreichend Zeit. WIR fordern eine Neuordnung der Haftpflichtversicherungen aller geburtshilflich Tätigen sowie die solidarische und zukunftsfähige Klärung der Haftungsfragen bei Geburtsschäden.

6. Eltern und Fachpersonal fordern einen Nationalen Geburtshilfegipfel

WIR fordern: Im Interesse einer gesunden Gesellschaft und künftiger Generationen ist ein Nationaler Geburtshilfegipfel dringend nötig. Federführend muss hierbei das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) sowie das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) sein, unter Beteiligung aller relevanten Gruppen und Verbände.

* Der Kongress WIR – von Anfang an fand am 25./26. Oktober 2019 in Stuttgart statt. Er wurde gemeinsam veranstaltet vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzt*innen Baden-Württemberg, vom Hebammenverband Baden-Württemberg e. V., dem Klinikum Stuttgart, der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin e. V., der Filderklinik, der Genossenschaft der fachärztlichen Versorgung von Kindern und Jugendlichen e. G. (PädNetzS), der Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland (GAÄD), der Bundeselterninitiative Mother Hood e. V. in Kooperation mit Frauenärzt*innen und dem bisherigen Präsidenten der Landesärztekammer Baden-Württemberg. Die Idee zu diesem interdisziplinären Fachkongress entstand im Nachgang zum Kongress „Kindergesundheit heute“ 2014 in Stuttgart. Weitere Informationen unter: www.wir-von-anfang-an.de .