GEPLANTE NEUREGELUNGEN IM BELEGSYSTEM GEFÄHRDEN DIE SICHERHEIT IN DER GEBURTSHILFE

Eltern befürchten weitere Verschlechterung in der Versorgung von Schwangeren

Kreißsaalschließungen und überfüllte Kliniken gefährden einen guten Start ins Leben. Foto © Kerstin Pukall

Bonn, 27. April 2017.

Eine Schiedsstelle entscheidet bis zum 19. Mai über den Antrag des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen (GKV-SV) in Bezug auf die Vergütung freiberuflicher Beleghebammen. Die Verhandlungen des GKV-SV mit den Hebammenverbänden hatten zu keiner Einigung geführt.

Grund für die fehlende Einigung sind die Pläne des GKV-SV, nur noch maximal zwei gleichzeitig erbrachte geburtshilfliche Leistungen zu bezahlen. Der Deutsche Hebammenverband rechnet mit finanziellen Einbußen und arbeitsorganisatorischen Problemen.

Setzt sich der GKV-SV mit seinen Plänen durch, könnten infolgedessen viele der bisher mit Belegsystem arbeitenden geburtshilflichen Stationen schließen. Insbesondere in Bayern, wo 78 Kliniken ausschließlich mit Belegsystem arbeiten, würde ein massives Kreißsaalsterben einsetzen.

Problematische Lage in der Geburtshilfe

Seit 1991 ging die Anzahl der Geburtsstationen deutschlandweit um rund 40 Prozent zurück, im Jahr 2016 schlossen ganze 18 Kreißsäle ihre Türen. Der Trend setzt sich in 2017 weiter fort.

Schon jetzt ist deutlich, was geschlossene Geburtsstationen für Eltern bedeuten: Werdende Mütter müssen unter Wehen viele Kilometer zurücklegen, um in den nächsten Kreißsaal zu gelangen. Die verbleibenden Kreißsäle sind vielfach an ihrer Kapazitätsgrenze angelangt: Oft betreut eine Hebamme drei und mehr Geburten gleichzeitig, weil zu wenig Personal vorhanden ist. Das bestätigen auch zahlreiche Berichte von Frauen an Mother Hood. Die Bundeselterninitiative warnt seit Jahren vor dieser Entwicklung, da lange Wege zu Kliniken sowie überfüllte Kreißsäle die Gesundheit von Mutter und Kind massiv gefährden.

Das vorgebliche Ziel der Kassen, mit den neuen Vergütungsstrukturen im Belegsystem einen besseren Betreuungsschlüssel zu erreichen, wird durch die drohenden Schließungen der Belegkreißsäle ad absurdum geführt. Es wird noch mehr ungeplante Geburten außerhalb der Kliniken geben und noch mehr Frauen, die in den Kliniken unter der Geburt wegen Personalmangels allein gelassen werden. Aus Sicht der Eltern ist eine dezentrale, wohnortnahe Versorgung mit Geburtsstationen unverzichtbar.

Schnelle Maßnahmen zur Verbesserung der Lage notwendig

Die Fragestunde des Bundestages zur Situation in den Geburtshilfe vom 26. April hat wieder einmal gezeigt, dass der Politik die Problematik nicht bewusst zu sein scheint und deshalb auch keine nachhaltigen Lösungsansätze erkennbar sind. Stattdessen wird die Verantwortung vom Bund zum Land bis hin zu den Krankenkassen und den Hebammenverbänden geschoben.

Mother Hood fordert von der Politik und dem GKV-SV Sofortmaßnahmen, um weitere Kreißsaalschließungen zu vermeiden. Das kann zum Beispiel durch Sicherstellungszuschläge für geburtshilfliche Einrichtungen in wirtschaftlichen Notlagen geschehen. Mit diesen könnten sich Kliniken oder Geburtshäuser so lange halten, bis geänderte Rahmenbedingungen einen wirtschaftlichen Betrieb wieder zulassen.

Voraussetzung für die Verbesserung der Situation geburtshilflicher Einrichtungen ist außerdem eine angemessene Vergütung des Personalaufwands von natürlichen Geburten. Darüber hinaus muss aus Sicht der Eltern der Beruf der Hebamme insgesamt attraktiver werden, damit wieder mehr Hebammen in der Geburtshilfe arbeiten wollen.

Aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen und hohen Haftpflichtkosten für Freiberuflerinnen haben in den vergangenen Jahren viele Hebammen ganz ihren Beruf aufgegeben oder sind in Teilzeit gewechselt. Stünden wieder mehr Geburtshelferinnen zur Verfügung, könnten auch die Forderungen von Eltern, GKV-SV und Hebammenverbänden nach einer 1:1-Geburtsbetreuung umgesetzt werden.