Jens Spahn (CDU) im Gespräch mit Dr. Pia Müller (Mother Hood e.V.) in Worms © Mother Hood e.V.

Update 02.09.: Wir haben eine schriftliche Antwort von Jens Spahn erhalten, die wir Ihnen hier auf seine Bitte hin zur Verfügung stellen.

Zu Jens Spahns Antwortbrief

Offener Brief zur Situation in der Geburtshilfe

Bonn, 30. August 2017

Sehr geehrter Herr Spahn,

am 18. August hatten Sie sich am Wahlkampfstand der CDU in Worms mit Dr. Pia Müller und Daniela Koch von Mother Hood e. V. zur Situation in der Geburtshilfe unterhalten.

Sie sind als Vorsitzender des Bundesfachausschusses Gesundheit und Pflege Ihrer Partei mit Gesundheitsthemen vertraut. Zudem ist Ihnen die Gleichberechtigung und die Rolle der Frau in unserer Gesellschaft ein wichtiges Thema, wie Sie immer wieder in Interviews betonen. 

Umso erstaunter sind wir über einige Erklärungen, die Sie im Rahmen dieses Gespräches gegeben haben und zu denen wir nachfolgend Stellung beziehen möchten.

1. „Eine Geburt passiert ja nicht plötzlich und auch nicht alle zwei Wochen. Da kann man schon mal bereit sein weiter zu fahren.“

Geburten sind nicht planbar, wie auch aus dem „Nationalen Gesundheitsziel Geburt“ hervorgeht, welches das Bundesgesundheitsministerium im Februar diesen Jahres veröffentlicht hat. Eine Geburt kann „plötzlich“ zu jeder Zeit an jedem Ort beginnen. Sie kann eine halbe Stunde oder drei Tage dauern. Sie kann problematisch verlaufen oder – wie in den meisten Fällen – ohne Komplikationen, sofern die Frau die passenden Rahmenbedingungen vorfindet.

Aktuell sind die Kreißsaalschließungen und damit verbunden weitere Entfernungen zum nächsten Kreißsaal ein tatsächliches Problem. Längere Anfahrtszeiten bringen ein höheres medizinisches Risiko für Mutter und Kind mit sich. Hinzu kommt die psychische und körperliche Belastung, welcher die werdende Mutter in diesem Moment ausgesetzt ist und die für den weiteren Geburtsverlauf nachteilig sein kann. Aufgrund der vielerorts herrschenden Personalknappheit in den Kreißsälen kann die Mutter zudem nicht sicher sein, in der Klinik, die sie nach längerer Anfahrt erreicht hat, überhaupt angenommen zu werden.

Die Entscheidung weiter zu fahren, muss in die Kompetenz der Frau fallen und nicht abhängig sein von fehlenden Kreißsälen im Umfeld der Frau. Die freie Wahl des Geburtsortes endet dort, wo nicht genügend geburtshilfliche Angebote bereitgestellt werden.

2. „Die Politik kann nicht verantwortlich für eine flächendeckende Versorgung mit Geburtshilfe sein. Kliniken sind unabhängig und müssen wirtschaftlich arbeiten.“

Wer, wenn nicht die Politik ist dafür zuständig? Die Anerkennung der Zustän-digkeit geht ebenfalls aus dem „Nationalen Gesundheitsziel Geburt“ hervor. 

3. „Wissen Sie, was es kostet eine flächendeckende [wohnortnahe] Versorgung aufrecht zu erhalten?“

Geburtshilfe ist Teil der medizinischen Versorgung. Wir fordern sogar, dass sie zur Grundversorgung gehören muss und von der Politik mit größtmöglicher Aufmerksamkeit bedacht wird. Wir sehen die Politik in der Pflicht Rahmenbedingungen zu schaffen, auch und vor allem den „Anfang des Lebens“ sicher und menschenwürdig zu gestalten.

Die Probleme in der Versorgung von Schwangeren haben sich in den letzten Jahren verschärft. Sie sind unübersehbar und werden mittlerweile auch von einigen Ihrer Parteikolleg*innen anerkannt. 

Im Sinne der Gesundheit von Mutter und Kind muss die Politik für eine gute und sichere Geburtshilfe sorgen und darf sie nicht wirtschaftlichen Erwägungen unterordnen.

Wir haben den Dialog mit Ihnen am eingangs erwähnten Wahlkampfstand in Worms begonnen und möchten ihn gerne weiter fortsetzen. Daher freuen wir uns auf eine Antwort von Ihnen, gerne mit Einladung zu einem persönlichen Gespräch.

 

Mit freundlichen Grüßen

Katharina Desery

Geschäftsführender Vorstand Mother Hood e. V.

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